In DABEI - Brief der evang. Kirchengemeinde Aldingen/Neckar Nr.32, Oktober 1984 schrieb Pfarrer J.Tolk:
Wie Aldingen evangelisch wurde
Wenn man‘s ganz genau nimmt, dann dürften wir hier in Aldingen eigentlich das 450. Reformationsjubiläum in Württemberg gar nicht mitfeiern, denn Aldingen gehörte 1534, als in Württemberg die Reformation eingeführt wurde, gar nicht zum Herzogtum, sondern war eine eigene Herrschaft, wenn auch ein vom Herzog verliehenes „Lehen“. Und die Herren von Kaltenthal, die hier regierten, schlossen sich der Reformation zunächst nicht an, sondern blieben bei der päpstlichen Kirche. So wurde noch lange Zeit in Aldingen die Messe gelesen, während ringsum in Neckarrems, Neckargröningen, Kornwestheim und Mühlhausen schon längst evangelisch gepredigt wurde. Die Untertanen hatten da gar nichts zu entscheiden, sondern allein die Herrschaft, wie im Religionsfrieden von Augsburg 1555 dann auch vertraglich für das ganze Deutsche Reich vereinbart wurde.
Die verzwickte Rechtslage
Nun bestand in Aldingen aber ein besonderes Problem: Ein Vorfahr der regierenden Kaltenthaler hatte im Jahr 1380 die Rechte und Einkünfte der Pfarrei an das Stift in Stuttgart verkauft, und das Stift war durch die Reformation in den Besitz des Herzogs von Württemberg gekommen. Herzog Ulrich hätte also mit gutem Recht einen evangelischen Pfarrer nach Aldingen schicken können. Auf der anderen Seite hatten aber auch die Herren von Kaltenthal ein Recht darauf, die Religion ihrer Untertanen zu bestimmen. Angesichts dieser verzwickten Rechtslage beließ man zunächst einmal alles beim alten. Der katholische Meßpriester blieb weiter im Amt Doch als er starb, wurde die Sache kritisch: Würde nun der Herzog einen evangelischen Pfarrer nach Aldingen schicken?
Der kriminelle Trick der Kaltenthaler
Im Jahr 1554 starb der katholische Ortspfarrer Lob, und daraufhin handelte die Ortsherrschaft unverzüglich. Sie beschlagnahmte das Kirchengut und die Einkünfte der Pfarrei, so dass kein neuer Pfarrer ernannt werden konnte, da keine Mittel für seinen Unterhalt zur Verfügung standen. Das dadurch gewonnene Geld liehen die Ortsherren gegen Zinsen aus und hatten so eine hübsche zusätzliche Einnahme. Natürlich war dieses Vorgehen ein klarer Rechtsbruch, den sich der Herzog nicht gefallen lassen konnte. Aber es geschah nicht viel. Verhandlungen wurden geführt, die Auszahlung der beschlagnahmten Gelder gefordert, aber einen ernsthaften Versuch, einen evangelischen Pfarrer nach Aldingen zu entsenden, unternahm man in Stuttgart angesichts des offensichtlichen Widerstandes der Kaltenthaler nicht.
Spaltung innerhalb der Dorfherrschaft
Drei Vettern waren von Herzog Christoph (seit 1550 an der Regierung) mit je einem Drittel der Herrschaft Aldingen belehnt worden. Gemeinsam übten sie die Herrschaft aus. Philipp von Kaltenthal (1551 belehnt) war unter den dreien wohl die stärkste Persönlichkeit, und er wollte unbedingt katholisch bleiben. Seine beiden Vettern Reinhard und Heinrich (1555 belehnt) wandten sich allmählich der Reformation zu. 1565 ließen sie dem württembergischen Hofprediger Bidenbach vertraulich mitteilen, sie wären mit der Einführung der Reformation in Aldingen „wohl zufrieden, wenn nur ihr Vetter Philipp anders gesinnt wäre“. Offensichtlich konnten sie sich - obwohl in der Mehrheit - gegen ihren Vetter nicht durchsetzen. Diese Nachricht war für Herzog Christoph der Anlass, nun seine Rechte als Lehensherr und Besitzer der Kirchenrechte in Aldingen energisch zu behaupten.
Befehl und hinhaltender Widerstand
Am 14. Januar 1567 traf das erste Schreiben des Herzogs in Aldingen ein. Die beschlagnahmten Gelder sollten herausgegeben, die Reformation durchgeführt werden. Bald traf auch ein evangelischer Pfarrer mit Namen Kürner ein, der einige Probepredigten halten sollte. Philipp erklärte, er könne sich damit nicht befassen und wolle katholisch bleiben. Seine beiden Vettern wagten es daraufhin nicht mehr, dem evangelischen Pfarrer die Kanzel einzuräumen. Briefe wurden hin und her geschrieben, die Vettern Kaltenthal zu Verhandlungen nach Stuttgart geladen, doch sie erschienen nicht. Nach zwei Jahren riss dem Herzog der Geduldsfaden. Am 24. Januar 1568 traf der Pfarrer Wolfgang Regius auf Befehl des Herzogs, begleitet vom Vorsteher der Stuttgarter Kirchenbehörde, in Aldingen ein. Auf dem Schloss wurden die entscheidenden Verhandlungen geführt, die mit einem Kompromiss endeten.
Anfänge der evangelischen Gemeinde
Tags darauf, am 25. Januar, fand um 8 Uhr in der Margarethenkirche eine katholische Messe statt, danach ritt Philipp von Kaltenthal weg. Der Schultheiß gab nun den Einwohnern bekannt, „wie sich die Edelleute wegen der Religion verglichen hätten“. Aldingen werde einen evangelischen Pfarrer bekommen, Philipp und seinen Nachkommen sei als „persönliche Gnade des Herzogs“ das Recht zugestanden worden, einen Meßpriester zu halten. Die Kirche werde von beiden benützt, und die Untertanen könnten selbst entscheiden, welchen Gottesdienst sie besuchen wollten. Daraufhin zog um 11 Uhr Pfarrer Regius, begleitet von den Vettern Reinhard und Heinrich von Kaltenthal sowie dem Schultheiß, Herrn Nothaft von Hochberg und Direktor Enzlin vom Kirchenrat des Herzogs in die Margarethenkirche ein. 300 Personen folgten ihnen (ca. 2/3 der Dorfbevölkerung). Während seiner Predigt über die Geschichte vom Hauptmann zu Kapernaum soll das „ewige Licht“ im Chorraum von alleine erloschen sein, „welches man für ein gut Vorzeichen halten möchte“, und nach dem Gottesdienst hätten etliche vernehmen lassen, „dass sie Gott dem Herrn dankten, dass es dazu gekommen wäre“. So steht es im Bericht von Kirchenrat Enzlin anHerzog Christoph. Pfarrer Regius wurde der erste evangelische Pfarrer in Aldingen und wirkte hier, bis er am 21. Oktober 1577 an der Pest starb. In einem Bericht nach seinem Tode heißt es, er habe "durch Gottes Gnad und Segen, mit seinem Eifer, Fleiß und seinem christlichen Wandel und Wohlverhalten vielGutes geschafft“. Zwei Drittel der Dorfbewohner waren bis zu seinem Tod evangelisch geworden.
Aldingen wird für drei Jahrhunderte ganz evangelisch
Der 1568 ausgehandelte Kompromiss machte es möglich, dass die Aldinger frei wählen konnten, welcher Konfession sie sich anschließen wollten. In der Ortsverfassung von 1578 wird diese Freiheit noch einmal ausdrücklich bestätigt. Natürlich war das Zusammenleben der Konfessionen am Ort in der damaligenZeit mit ihrer heftigen konfessionellen Polemik nicht spannungsfrei, aber es war doch möglich. Im Laufe der Jahrzehnte schrumpfte dann die katholische Gemeinde immer mehr zusammen, und als die katholische Linie der Kaltenthaler 1650 ausstarb, war die Zahl der Katholiken auf „drei alte Weiber und zween Medlin“ gesunken. Damals hörte der katholische Gottesdienst in Aldingen, der ja als persönliche Gnade des Herzogs für Philipp und seine katholischen Nachkommen gestattet worden war, ganz auf. Ein Einspruch des Öffinger Pfarrers beim Reichskammergericht blieb erfolglos. Aldingen war durch freie Entscheidung der Bürger evangelisch geworden und blieb es, bis nach dem 2. Weltkrieg durch Flucht, Vertreibung und Zuzug wieder eine katholische Gemeinde entstand. Religionsfreiheit und freundliches Nebeneinander der Konfessionen sind uns heute selbstverständlich geworden, damals waren sie es nicht. Von der Aldinger evangelischen Gemeinde kann man im Rückblick sagen, dass sie aus der freiwilligen Gewissensentscheidung für die Predigt des Evangeliums entstanden ist.