Ortswechsel – die Standorte des (alten) Kirchenaltars

Standort des alten Altars 1948 bis 2012

Die Margaretenkirche wurde im Jahre 1500 eingeweiht. Sie ist neben dem Schloss buchstäblich das am höchsten hervorragende historische Gebäude von Aldingen.

Bei der Innenrenovierung der Kirche sind durch den Kirchengemeinderat einige Entscheidungen zu treffen. Diese müssen die Vorgaben des Denkmalschutzes berücksichtigen. Zugleich aber ist die Kirche ein Funktionsbau, der den heutigen Anforderungen kirchlichen Lebens Rechnung zu tragen hat. „Ändert nichts, was schon immer so war“, diese Bitte begegnet uns jetzt gelegentlich. Was aber war „schon immer so“? Antwort: vieles nicht! Das uns vertraute Innenbild der Kirche weicht weitgehend von dem des Jahres 1500 ab. Dies betrifft nicht nur, aber auch den Altar.

 

Die Margaretenkirche wurde als Grablege des Aldinger Ortsherrschaft der Kaltenthaler Familie erbaut. Bei ihrer Einweihung war die Kirche noch ein katholisches Gotteshaus, die Reformation stand erst noch bevor. An der Ostwand des Chors, dem heutigen Standort der Orgel, wurde ein Hochaltar errichtet: auf einem Altartisch baute sich ein Schrein mit fünf großen Heiligenfiguren auf. Die Figuren haben sich bis heute erhalten, sie wurden 1893 für 200 Mark an die Königliche Staatssammlung nach Stuttgart verkauft und sind heure noch im Besitz des Landesmuseums. Der Altarschrein, der hölzerne Aufbau also, in den die Heiligenfiguren einmontiert waren, muß ein Ausmaß von mindestens 4x2,5 m gehabt haben. Der Altartisch, also der Sockel des Hochaltars hat ebenfalls die Zeiten überdauert: es ist unser heutiger Altar. Original erhalten ist allerdings nur noch die Altarplatte von 175x110 cm, an deren Rückseite noch die Einkerbungen zu erkennen sind, in die die Zapfen des Heiligenschreins eingelassen wurden, sowie ein kleiner Eckpfeiler an der Rückseite. Der mächtige Steinsockel des heutigen Altars stammt von der Renovierung von 1963, er ist also kunsthistorisch kaum von Bedeutung.

 

1568 wurde mit Wolfgang Regius der erste evangelische Pfarrer an der nun reformierten Margaretenkirche eingesetzt. Der (katholische) Hochaltar behielt jedoch noch fast 300 Jahre lang seinen ursprünglichen Standort, an dem das Abendmahl gefeiert wurde. Seit 1787 wurde eine grundlegende Renovierung der Kirche vorgenommen. Dabei wurde beschlossen, im Chorraum über dem Chorgestühl eine Empore mit einer (ersten) Orgel zu errichten. Hierbei stand der Hochalter hinderlich im Wege.  Daher wurde der Heiligenschrein abgebaut und die Figuren im Kirchenschiff angebracht.  Der Altartisch aber wurde nach vorne bis an die Stufen zum Kirchenschiff versetzt  und mit seitlichen Metallgittern eingerahmt. Übrigens wurde damals zugleich direkt vor den Altar und die Stufen zum Chor der alte und noch heutige benutzte Taufstein versetzt, der ursprünglich am Eingang der Kirche seinen Standort gehabt hatte.

Standort des Altars 1500, 1800 und 1948 bis 2012

 

Dieser Umbau war um 1800 abgeschlossen, bis bei der erneuten Renovierung der Kirche 1947/48 die Chorempore wieder abgebrochen und die damals vorhandene (zweite) Orgel von 1877 am einstigen Standort des Hochaltars (also am Ort der heutigen Orgel) auf den Boden gestellt wurde. Der steinerne Altar aber wurde wieder vom Chorbogen weg ein Stück in den Chor zurückversetzt. Dabei wurden die auf dem Boden des Chors liegenden Grabplatten abgehoben und an andere Stelle versetzt, wobei ein Teil der Epitaphien zerschlagen und als Baumaterial verwendet wurde – ein Denkmalschutz war nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs in jenen Jahren ohne Belang. Bei der letzten Renovierung 1963 wurden die beiden Altargitter von 1800 wieder entfernt und die (alte originale) Altarplatte um 10 cm niedriger gesetzt.  Somit lassen sich für den Steinblock des heutigen Kirchenaltars während 500 Jahren mindestens drei verschiedene Standorte nachweisen. Diese waren jeweils durch praktische oder ästhetisch begründete Überlegungen festgelegt worden.  Was bewegt nun den heutigen Kirchengemeinderat, über eine erneute Versetzung des massiven Steinaltars nachzudenken?

 

Die Innenrenovierung der Margaretenkirche hat neben der Restaurierung der historischen Elemente auch zum Ziel, alternative und individuelle Gottesdienst- und Andachtsformen sowie Kultur- und Musikveranstaltungen zu ermöglichen. Dabei erschweren der Standort des Altars sowie seine Größe eine Nutzung des Chorraums für Andachten und Konzerte. Der Chorraum kann liturgisch und spirituell nicht die Bedeutung entwickeln, die ihm auch historisch gebührt. Die Größe und Höhe des Altars verdeckt bei Konzerten den Blick auf Musiker und Sänger und deren Aufstellung und wirkt zugleich als akustischer Riegel. Zugleich steht der Altar liturgisch heute in (zu) großer Entfernung zur im Kirchenschiff versammelten Gemeinde.

 

Unsere Idee: Ein neuer beweglicher Altar (Holz?) ersetzt im Rahmen eines Gesamtkonzepts (Kreuz, Ambo, Leuchter, Bibel, Parament sowie Anstreichen der Orgel) den alten Steinaltar.  Der alte Steinaltar wird in die Sakristei transferiert. Die Sakristei wird zum Andachtsraum und muss durch den geplanten „Serviceanbau“ nicht mehr als Abstellkammer zweckentfremdet werden. Der steinerne Altar, der erst seit 1947 an der uns vertrauten Stelle steht, wird dadurch nicht entwertet. Vielmehr behält er seine liturgische Bedeutung als „Tisch des Herrn“.

 

Dr. Ulf Scharlau, Vorsitzender des Kirchengemeinderats