„… da ist Freiheit“ (2. Korinther 3,17)

Wenn sich denn so ein komplexer Prozess wie die Reformation an einen Punkt festmachen ließe, so wäre dies sicherlich Martin Luthers Weigerung vor Kaiser und Reichstag in Worms, seine Schriften zu widerrufen. Ob nun seine Worte „Hier stehe ich und kann nicht anders“ historisch waren oder nicht - Die Botschaft war klar: Ich bin in meinem Glauben und meinem Gewissen frei und keinem Kaiser und keiner Obrigkeit zu Gehorsam verpflichtet. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan …“, so hatte er zuvor geschrieben.

 

Nun: Bis zu den Menschenrechten und bis zur Demokratie war es noch ein langer Prozess – und nicht immer waren die Kirchen Zugpferde auf dem Weg der Befreiung. Jedoch lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass mit der Wiederentdeckung des biblischen Freiheitsgedankens durch die Reformatoren ein wichtiger Schritt getan war.

Befreiung als jüdische-christliche Urerfahrung

 

Biblisch gilt die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei als die Geburtsstunde des jüdisch-christlichen Glaubens. Die Schöpfungs- und Vätergeschichten sind historisch dazu gewachsen. Die menschliche Urerfahrung mit Gott ist die Befreiung aus Verhältnissen und Systemen, die Menschen beugen und brechen. Die Überwindung des Todes als dem letzten und ultimativen Sklavenhalter in dieser Welt durch Jesus Christus bringt diesen Gedanken konsequent zu Ende.
Die Reformation war eine Befreiungsbewegung in dreifacher Hinsicht:
1. Sie befreite die Kirche von Hierarchien und Traditionen ohne biblische Legitimation. Der evangelische Christ ist frei von jeglicher religiöseren Bevormundung. Es gilt das Priestertum aller Gläubigen.
2. Auf der Ebene des Individuums führte die Reformation zur Befreiung des Gewissens, das aufgrund seiner inneren Bindung an Gottes Wort in geistlichen Dingen keinen externen Autoritäten mehr unterworfen ist.
3. Und auch wenn Luther sich später gegen die Baueraufstände wandte, so führte der reformatorische Freiheitsgedanke im politischen Bereich langfristig immer wieder zu religiös motivierten Aufständen und zu Versuchen der Befreiung von Knechtschaft und Unterdrückung.

Verantwortung statt Narrenfreiheit


Allerdings bleibt der reformatorische Freiheitsgedanke in kritischer Distanz zur neuzeitlichem Freiheitsverständnis. Nach Luther hat der Mensch keine Narrenfreiheit. Der oben angeführte Satz muss zu Ende gelesen werden, um den evangelischen Freiheitsbegriff in seiner ganzen Tragweite zu verstehen:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
So frei ein Christ in Glaubensdingen auch sein mag, die christliche Weltverantwortung und die Nächstenliebe macht ihn zu einem Diener an der Gemeinschaft. Macht, Verantwortung und Wohlstand sind verliehene Privilegien, die nicht dem eigenen Fortkommen zu dienen haben, sondern der Allgemeinheit. Meine Freiheit endet bei der Freiheit meines Nächsten.

28. Oktober: Remsecker Nacht der Freiheit


In diesem Sinne laden die Kirchen in Remseck am 28 Oktober herzlich ein, in einer Nacht der Kirchen die Freiheit in vielerlei Hinsicht zu bedenken, – die Freiheiten, die aus den Impulsen der Reformation entstanden sind, die Freiheiten, die – Gott sei Dank – gegen kirchliche Widerstände durchgesetzt wurden und auch für die Freiheitsgewinne, die der Glaube an Gott uns schenkt. Ganzheitlich und in ihrer ganzen Tragweite soll die Freiheit in der Nacht der Kirchen im Licht des Glaubens erlebbar werden.

 

Schauen Sie mal vorbei, denn „… da ist Freiheit“!

Da ist Freiheit