DAs Priestertum aller Gläubigen

Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei“, schreibt der Martin Luther 1520.

In diesem Satz steckt das evangelische Selbstbewusstsein schlecht hin.

Jeder getaufte Christ hat direkten Zugang zu Gott und bedarf keiner Vermittlung durch einen Priester oder einer Kirche. Kirche und Klerus haben keine spirituelle Macht über einen Christen. Gemeindemitglied und Pfarrer stehen in Glaubensdingen auf Augenhöhe. Der Pfarrer ist lediglich Experte im Glauben-Wissen, nicht aber im Glauben.

Das hat Konsequenzen:

  • Jeder Christ kann durch das Studium der Bibel die Predigt des Pfarrers nachprüfen und gegebenenfalls kritisieren.

  • Jeder Christ hat die Macht und die Pflicht, im Namen Gottes Sünden zu vergeben. Allerdings ist kein Christ auf einen Vermittler angewiesen, der ihm die Vergebung zuspricht. Wer glaubt – an die Liebe Gottes und die Vergebung – und bereut, dem ist schon vergeben.

  • Nach evangelischem Verständnis ist die verfasste Kirche nicht „heilig“, sondern lediglich eine weltliche Institution, die dafür zu sorgen hat, dass das Wort Gottes schriftgemäß verkündet wird.

  • Der Ausschluss eines Christen vom Abendmahl ist rechtlich zwar in sehr schwerwiegenden Fällen möglich, wird aber praktisch nicht vollzogen.

  • Die Amtsverpflichtung eines Pfarrers unterscheidet sich nur in der Verpflichtung auf das Seelsorgegeheimnis vom der eines Kirchengemeinderats (KGR).

  • KGR und Pfarrer leiten gemeinsam die Kirchengemeinde. Der Pfarrer hat nur eine Stimme im KGR. Lediglich bei der Verwaltung der Sakramente (Taufe und Abendmahl) kann er alleine auf der Grundlage des Kirchenrechts entscheiden. Auch hat er das Kanzelrecht und kann entscheiden, wer in der Kirche predigt. Allerdings kann er nicht ohne den KGR einen Prediger bestimmen, da der KGR das Hausrecht hat.

 

Es ist leicht nachvollziehbar, worin historisch die Sprengkraft des reformatorischen Gedankens des „Priestertums aller Gläubigen“ steckt: Die Kirche war somit aller Macht über die Menschen beraubt. Gott sei Dank.