Ein Plädoyer für die kirchliche Jugendarbeit

„Die Schule ist das Wichtigste im Leben“ – diesen Satz höre ich immer wieder als Totschlagargument aus dem gestrengen Mund so mancher Eltern. Das mag in der aufgeheizten Auseinandersetzung mit einem pubertierenden Heranwachsenden seine Berechtigung haben, um den Sprössling an den Ernst des Lebens zu erinnern und um die kraftraubende Diskussion zu ersticken. In seinem Sinngehalt aber erschreckt mich dieser Satz und ich muss widersprechen: Schule ist wichtig –aber nicht das Wichtigste.

 

Es gibt viele wichtige Dinge, die in der Schule nicht vermittelt werden: Der gelebte Glaube gehört zum Beispiel dazu, denn auch im Religionsunterricht ist dafür nur wenig Raum. Das Leben in einer Kirchengemeinde ist ebenfalls zu nennen. Kinder und Jugendliche brauchen erwachsenfreie Räume und die gibt es in der Schule nicht. Im Gegenteil: Unsere Kinder verbringen ihre Zeit vermehrt mit Menschen, die man dafür bezahlt, dass sie sich mit ihnen abgeben. Der Umgang mit dem Tod spielt in der Schule keine Rolle. Wie lerne ich, mit Misserfolg und Versagen im Leben umzugehen? In einer Schulwelt, in der letztlich Leistung und Notendruck das Leben der Kinder prägen, sind solche Fragen im besten Fall Randnotizen. Das sind nur wenige Beispiele.

 

Die Schule beansprucht den Lebensmittelpunkt unsere Kinder. Nicht nur, dass sie vermehrt Mittagsschule haben, sondern dass sonstige – für sich gesehenen eigentlich durchaus attraktive und sinnvolle Angebote –den Schulalltag zusätzlich verlängern. Ein Konzert am Freitagabend wird zur schulischen Pflichtveranstaltung. Das Schulorchester probt am Sonntagvormittag. Dazu kommen Theaterbesuche und -aufführungen, Projekttage, Ausflüge, berufliche Orientierungstage u.v.m.

 

 

Das alles ist furchtbar wichtig – aber wo bleibt das andere Wichtige?
Wo bleibt die christliche Jugendarbeit zum Beispiel? Die Post-Pisa-Veränderungen in den Schulen hatten und haben schmerzhafte Veränderungen für die christliche Jugendarbeit mit sich gebracht. Ein Beispiel nur: Der Konfirmandenunterricht wurde auf die achte Klasse verkürzt, weil das Kultusministerium den Mittwochnachmittag in der 7. Klasse durch G8 und der vielen Nachmittagsschule nicht mehr wie früher per Anordnung freihält. Die geforderten 60 Stunden sind kaum noch zu schaffen, zumal auch in der 8. Klasse die Mittwochnachmittage durch Schulaustausch und SE-Projekte etc. dezimiert werden.


Nun mag das aus der Feder eines Pfarrers, der mit Stolz auf eine erfolgreiche Jugendarbeit blicken kann, unglaubwürdig erscheinen. Trotzdem beobachte ich die Entwicklung mit Sorge: Welcher Schüler eine Ganztagesschule besucht nach 8 Stunden Schule noch die Jungschar? Welcher durchschnittliche Schüler hat noch die Zeit, sich sozial zu engagieren? Die Mehrheit unserer Jugendmitarbeiter ist in ihren schulischen Leistungen eher überdurchschnittlich. In vielen Gemeinden findet Jugendarbeit nur noch an Wochenenden und in den Ferien statt. Kirche wird zur Sonntags- und Freizeitkirche.

 

Dabei hat die christliche Jugendarbeit Dinge zu bieten, die auch einer Schule nicht zum Opfer fallen dürfen. Erwachsenfreie Räume zum Beispiel: Wo verbringen Jugendliche und Kinder noch miteinander Zeit? – Auch wenn es pädagogisch vielleicht manchmal nicht das Gelbe vom Ei ist. Glaube und Lebensprobleme haben allein schon durch den Rahmen einen anderen Raum. Schulübergreifend verbringen Kinder und Jugendliche Zeit miteinander.

Jugendliche werden als Leiter geschult, erlernen psychologische und pädagogische Fähigkeiten, bereiten selbständig in Projektarbeit Geländespiele vor, lernen wie man Menschen anleitet. „Wer eine Jungschar wirklich und gut leiten kann, kann auch ein Ministerium leiten“, hat der frühere Stuttgarter Wirtschaftsbürgermeister und Ministerialdirektor, Rolf Lehmann, einmal gesagt.

Und mitten im Leben und mitten im Alltag spielt der Glaube eine Rolle mit all seinen Facetten und in alle Lebensbereiche hinein.

Das sollte allen Verantwortlichen klar, sowohl in der Politik wie auch in den Kirchen, in den Schulen und vor allem den Eltern: Schule ist wichtig – aber nicht das Wichtigste. Andere Dinge auch. Christliche Jugendarbeit zum Beispiel.

Jens Keil