Mit Verstand glauben - zum 40. Todestag von Rudolf Bultmann

Evang. Medienhaus / Kürschner

In Zeiten religiöser Überhitzung ist es angebracht, an den Theologen Rudolf Bultmann zu erinnern, dessen Todestag sich heute zum 40. Mal jährt (30. 7. 2016).

 

Sein Ansatz der Historisch-Kritischen Methode bildet die Grundlage für die moderne Bibelforschung. Ihr zugrunde liegt die Erkenntnis, dass die Bibel den Autoren nicht durch den Heiligen Geist in die Feder diktiert wurde, sondern sie wurde geschrieben von Menschen für Menschen in gutem Glauben und in einer konkreten Situation. Kurz: In der Bibel findet sich Gottes Wort mit Menschenwort vermengt. Wir müssen unseren Verstand bemühen, um beides zu trennen – in aller Demut versteht sich, denn unser Verstand bleibt die Fehlerquelle. Aber das weiß er – und ein verständiger Mensch kann nicht anders als demütig zu sein in seinen Ansichten und Äußerungen.

 

Wir sehen wir in diesen Tagen, wohin das führt, wenn man ohne Verstand ein religiöses Wort aus dem Zusammenhang gerissen für seine Zwecke missbraucht, sei es aus der Bibel oder dem Koran - von der damit verbundenen fehlenden Demut ganz zu schweigen. Wo der Verstand ausgeschaltet wird, läuft der Glaube Gefahr, Gott und Mensch lieblos, unreflektiert und ohne Gnade für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Das ist Kennzeichen des Fundamentalismus.

 

Der Schaden ist groß. „Wir brauchen nicht noch mehr Religion“, tritt der Charly Hebdo Karikaturist Joann Sfar dem Aufruf entgegen, für Paris zu beten. „Ich will beten mit dem Geist und will auch beten mit dem Verstand“, schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth (1. Kor. 14,15), und ich werte das im Sinne Bultmanns als Ermahnung an mich, in gutem Glauben und in Demut den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen und die Liebe zu bewahren.

 

Jens Keil (Erschienen in der LKZ am 30.7.2016)