Das Leben ist eine Baustelle - die Kirche auch

Unter diesem Motto steht für die Aldinger Kirchengemeinde das kommende Jahr. Die Kirche wird innen renoviert – eine Operation am Herzen sozusagen – und die bauliche Notwendigkeit wird zum Ausgangspunkt nicht nur unseres Schaffens sondern auch unseres Denkens und Besinnens.

 

Dass das Leben eine Baustelle ist, ist nicht erst seit Wolfgang Beckers Film sprichwörtlich. „Panta rhei“, sagten die alten Griechen: “Alles ist im Fluss“. In dieser Welt „jenseits von Eden“ ist nichts von Dauer. Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche bleiben eine stetige Herausforderungen. Entsprechend groß ist die Sehnsucht nach Beständigkeit. Da wird von einem vermeintlichen „sicheren Hafen der Ehe“ gesprochen. Das „sichere Dach über dem Kopf“ bleibt für den Schwaben ein Ziel. Von der „ewige Liebe“ träumt der junge Mensch. Für manche ist es die Kirche. Hier soll alles so bleiben wie es ist, wenn man (mal) in die Kirche kommt. „Weihnachten bitte so wie immer“, sagen die Kinder, auch wenn sie schon lange aus dem Haus sind.

 

Auf der anderen Seite können Auf- und Umbrüche auch Chance sein. Wer aufbricht, für den birgt die Aussicht auf Veränderung mehr Verheißung in sich als der Status quo. Wenn Bestehendes dem Leben nicht mehr dient und wenn die Verhältnisse mehr einengen als befördern, dann suchen wir die Veränderung.

 

„Ecclesia semper reformanda“ war ein Schlachtruf der Protestanten: „Die Kirche ist eine immer zu Reformierende“. In der evangelischen Kirche zählt nur eines: Den Menschen das Wort Gottes zeitgemäß zu verkünden. Ändern sich Menschen und Zeiten, muss sich auch die Art und Weise der Verkündigung ändern. Die Kirche, der Kirchenraum, die Form des Gottesdienstes, die Musik, die Sprache – in der Denke der Protestanten sind sie nur „menschliche Traditionen“, die ständig reformiert werden müssen, damit den Menschen die Botschaft von der Liebe Gottes zeitgemäß nahe gebracht werden kann.

 

„Denen ist nichts heilig“, lautet der Vorwurf an die Evangelischen. Stimmt – im Gegensatz zur katholischen Kirche sehen wir unsere Kirche nicht als heilig an sondern nur als eine Institution. Unsere Kirchen sind nicht geweiht, sondern „nur“ Räume und Gebäude, die eine Funktion haben, nämlich der Verkündigung zu dienen. „Heilig“ allein ist das, was in ihr geschieht, wenn Gott durch seinen Heiligen Geist in der gottesdienstlichen Feier den Menschen mit seiner heilsamen Liebe und Vergebung dem Leben dient.

 

Wie das Leben ist also auch unsere Kirche eine Baustelle – im übertragenden Sinne wie auch vor Ort in unserer Margaretenkirche. Viel wurde in ihr in den vergangenen 500 Jahren verändert. Kaum etwas steht noch da, wo es einmal stand. Immer haben die Verantwortlichen nach guter evangelischer Tradition versucht, die Margaretenkirche so zu gestalten, dass das Evangelium zeitgemäß gefeiert werden kann. Nichts anders kann, darf und will der aktuelle Kirchengemeinderat tun.

 

Nicht alle begrüßen die Veränderung. Auf-, Um- und Abbrüche strengen an. Mit Sicherheit hätte Maria ihr Kind lieber in der gewohnten Umgebung zur Welt gebracht. Aber – eben – weil das Leben eine Baustelle ist, mussten sie und Josef aufbrechen. Weihnachten – in seiner eigentlichen Wurzel – ist eben nicht „wie immer“, sondern ganz im Gegenteil  „Baustelle par excellence“. Gott beginnt diese Welt umzubauen. Und das wiederum hat zur Folge, dass Menschen aufbrechen und sich in Bewegung setzen: Die Hirten auf dem Feld. Die drei Weisen aus dem Morgenland.

 

Aber die Weihnachtliche Verheißung macht den Unterschied: An Heiligabend hat Gott begonnen, diese Welt zu verändern. Wenn er fertig ist und „Hammer und Schraubenzieher“ aus der Hand legt, dann werden Mensch, Kirche und Welt vollendet sein. Endgültig und für immer. Letztlich ist es immer diese Verheißung, die uns aufbrechen lässt. Letztlich ist allein die weihnachtliche Botschaft Maßstab und Ziel aller Veränderung – und das nicht nur an Weihnachten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14)

 

In diesem Sinne: Eine erfüllte Advents- und Weihnachtszeit

 

Ihr Pfarrer Jens Keil