Du, Gott, siehst mich

Da sitzt er, der junge Mann auf unserem Titelbild, zufrieden und glücklich, die steile und für einen Vierjährigen anspruchsvolle Silberkarklamm in der Ramsau bewältigt zu haben. Er hat den Aufstieg geschafft, hat mit Hilfe der Hände die steilen Treppen erklommen. Rechts und links rauschte der Bergbach in Wasserfällen beängstigend nah an ihm vorbei. So sitzt er nun da und wartet auf den Rest der Familie. Ein wenig frech schaut er auch aus, wohlwissend, dass er zwar gerügt wird, weil er den fürsorglichen Eltern enteilt war, sie aber insgeheim stolz sind auf den mutigen und behänden Kletterer.

 

Lesen kann er nicht, was da links von ihm steht. Aber das muss er auch nicht. Er weiß es. Das sieht man ihm an.

 

Mich rührt das Bild an – nicht nur als Vater. Ein Urlaubsbild nur auf den ersten Blick. Umso länger ich es anschaue, umso mehr finde ich das Leben in all seiner Weite und Tiefe in diesem Bild wieder: Die Anstiege, die es im Leben zu bewältigen gibt; Das finstere Tal, durch das man hindurch muss; Der weite Ausblick, wenn man eine Anhöhe geschafft hat. Der Stolz über eine vollbrachte Leistung. Das Staunen über sich selbst, dass man trotz aller Angst weiterzugehen wusste. Die Befriedigung, dass man erfolgreich seinen eigenen Weg gegangen ist. Die Geborgenheit, die sich einstellt, wenn man sich unter den Augen Gottes behütet weiß.

 

„Du Gott siehst mich.“ Grundlage für diesen Glauben ist die Erkenntnis, dass Gott nicht an Orte gebunden ist. Von Anfang an war er ein Gott, der die Wege seines Volkes mitgeht. Mit Abraham und Sarah von Haran nach Israel. Mit Jakob und Josef von Israel nach Ägypten. Mit Mose, Miriam und Aaron von Ägypten nach Israel. Mit Jesaja ins Exil nach Babylon und mit Esra und Nehemia wieder zurück. In seinem Wesen ist und bleibt Gott immer ein Nomadengott, der uns manchmal voran geht und uns manchmal auch hinterher eilen muss, wenn wir ihm den Rücken zukehren. Nicht zuletzt wurde er deshalb Mensch, um auch den letzten Weg mit uns zu gehen. “Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten“ (Psalm 139,9).

 

Doch das allein erklärt noch nicht das Gefühl der Geborgenheit auf dem Gesicht meines Sohnes. Das „Sich-von-Gott-gesehen-fühlen“ allein genügt ja nicht, ist doch für so Manchen der Ort unter seinen Augen mit Unbehagen verbunden. Vielmehr bedarf es dazu die kindliche Gewissheit, dass Gott mich nicht nur sieht und mit mir geht sondern auch auf meiner Seite steht und es gut mit mir meint. „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“ (Josua 1,9)

 

Der Glaube, dass der fürsorgliche Vater „im Himmel“ sein Kind auf Erden nicht von der Hand lässt – darauf kommt es an – und auf das Vertrauen, dass Gott es gut mit mir meint; das ist die Grundlage dafür, den Ort unter seinen Augen als Ort der Geborgenheit erfahren zu dürfen.

 

Es ist Urlaubszeit. Geschenkte Zeit. Erhoffte freie Zeit – was immer das auch bedeuten mag. Lange erwartet und heißt ersehnt: Auspannen. Ein Buch lesen. Zeit für die Kinder. Tapetenwechsel. Neue Eindrücke. Den Horizont erweitern. Abstand gewinnen. Zeit für sich selbst, für den anderen und für Gott. Raum für neue Gedanken und neue Anstöße.

 

Allerdings ist nicht immer nur angenehm, was da Raum gewinnt. Manches Verdrängte wird nun aufgearbeitet. Nach traumlosen Nächten im Arbeitsalltag bestimmt nun der Inhalt so manches Traumes das Frühstücksgespräch. Staunend nimmt man wahr, was die Seele bewegt. Mancher familiärer Konflikt muss erst geführt werden, der im Alltag keinen Raum hatte.

 

Liebe Leserinnen und Leser, was immer Ihnen in der Sommer- und Urlaubszeit auch „blüht“, ob Sie auf Berge oder durch Täler müssen, ob Sie loslassen oder eine neue Chance ergreifen müssen bzw. dürfen, ob sie auf Reisen sind oder zuhause bleiben, ich wünsche Ihnen den Glauben, dass sie sich von Gott gesehen fühlen dürfen. Und ich wünsche ihnen, dass es sich dort an diesem Ort, wo immer das auch sein mag, gut anfühlt.

 

Gott befohlen.

 

Ihr Pfarrer Jens Keil