Eine andere Weihnachtsgeschichte

Das Aldinger Kind, an das diese Weihnachtsgeschichte erinnert, starb in diesem Jahr nach 16 erfüllten und glücklichen Jahren.

 

Eine andere Weihnachtsgeschichte (aus dem Jahr 1996)

Auch in diesem Jahr sollte es Heiligabend wieder den selbstgemachten Heringssalat geben. Larna stand in der Küche und schnitt Äpfel klein. Plötzlich durchfuhr sie ein stechender Schmerz. Vom Rücken zog er sich wie ein tiefer Messerschnitt bis zu ihrem schon erkennbar gewölbten Bauch. „Nein!. Das kann nicht sein. Ihr Baby sollte ein ‚Aprilscherz’ werden, aber bestimmt kein ‚Christkind‘.“ Das Kleine war viel zu früh.

 

Am 24. Dezember 1999 um 17.36 Uhr erblickte per Kaiserschnitt ein kleines Kind das Licht der Welt: 920 Gramm, 36 Zentimeter.

 

Anders als das Christkind vor 2000 Jahren lag es in keiner Krippe in einem Stall, sondern in einem gläsernen Brutkasten auf der Frühchenstation eines Krankenhauses. Statt der Geräusche der Tiere im Stall hörte es die regelmäßig rhythmischen Geräusche der Beatmungsmaschine, Tag und Nacht umgeben von dem hellen Schein der Neonröhren. Konnte Maria ihr Kind in den Arm nehmen, so bleibt Larna zunächst nur die Möglichkeit – nach gründlicher Desinfizierung – ihr Kind durch zwei an der Seite des Brutkastens angebrachte Öffnungen zu berühren. Statt der heiligen drei Könige erhält es immer wieder „Besuch“ von weiß gekleideten Ärzten und Schwestern.

 

Genauso wie das Christuskind vor 2000 Jahren, so hat auch dieser kleine Erdenbürger eine wichtige Aufgabe in der Welt. Auch es wird keinen „normalen“ Lebensweg gehen. Auch es wird auf Ablehnung stoßen. Auch es wird oft unverstanden bleiben.

 

Larna wird Phasen haben, in denen sie – wie Maria – verzweifelt und Schwierigkeiten hat, ihr Kind zu verstehen. Auch sie wird unter der besonderen sozialen Situation ihres Kindes leiden. Auch sie wird die Ablehnung spüren, die Menschen dem Anderssein ihres Kindes entgegenbringen.

 

Anders als das Geburtstagskind vor 2000 Jahren wird dieses Kind jedoch niemals auf einem Esel reiten. Sein Fortbewegungsmittel wird der Rollstuhl sein. Ob es überhaupt 33 Jahre alt werden wird, ist nicht erkennbar.

Mit der Diagnose „schwere cerebrale Schädigung bei Sauerstoffmangel“ wird es wohl niemals Reden halten können. Aber wie das Christuskind wird auch dieses Kind Liebe in die Welt tragen. Seine Augen werden von dieser Liebe erzählen. Auch diese Liebe wird trotz vielfach entgegengebrachter direkter und indirekter Ablehnung ausstrahlen.

 

Mit dieser Behinderung wird das Kind in seinem Leben immer wieder an die Werte der traditionellen christlichen Lehre erinnern. Ein neuer Erdenbürger ist auf die Welt gesandt worden, um viele Menschen „anzusprechen“ und diese zu selbstlosem Verhalten und Solidarität zu befähigen. Uns wurde ein Zeichen der Liebe gegeben, das wir aufnahmen und widerspiegeln können. Durch dieses besondere Kind bekommen wir die Chance, uns als Menschen zu bewähren.

 

Elke Becker