Gedanken zum neuen Altar

Es ist der Altar, der als erstes meinen Blick auf sich zieht, wenn ich die Margaretenkirche betrete. Hat man den alten Altar vor Augen, so erscheint der Neue fast zierlich und klein. Die Auslassung in der Mitte wirft Fragen auf. Die Farbe des Paraments ist erkennbar und liegt doch etwas im Schatten. Das Tuch ist transparent und schemenhaft erkennt man die Welt dahinter.

 

Neben dem Altar erscheint der monolytische Ambo bescheiden. Sicher – man erkennt das gleiche Holz, versteht aber nicht gleich den Bezug zum Altar.

 

Ich trete näher, erkenne die Jahresringe des 250 Jahre alten Eichenholzes. Das Holz ist lebendig. Risse sind entstanden und werden noch entstehen. Der Altar lebt und verändert sich mit der Zeit. Es sind kleine Einschlüsse erkennbar. Links erkenne ich die Einbuchtung, die eine Fichte hinterlassen hat, gewachsen, gestorben und schließlich eingeschlossen in den riesigen Eichenstamm. Rechts am Rand sind Reste der Baumrinde belassen.

Mit dem Näherkommen wächst auch der Altar. Gewaltig und archaisch wirkt das alte vollkommen unbehandelte Holz. Lebendige Geschichte in einem geschichtsträchtigen Raum. Wie viele andere muss ich den Altar berühren, muss ihn spüren: Hart, warm, uneben. Man bewegt die Hand über die Oberfläche als würde man ehrfürchtig ein Wesen aus der Vorzeit streicheln. Als Pfarrer rühren mich die Bilder an, wie Kinder und Erwachsene förmlich angezogen werden und scheu mit dem Altar Kontakt aufnehmen. Das ist beim alten Altar nie geschehen.

 

Ich gehe um den Altar herum, sehe die „Fehler“ im Holz, die Spuren, die die Geschichte hinterlassen hat – kleine Eisenpartikel unbekannter Herkunft, Zweige.

 

Wieder vorne angekommen trete ich noch einmal ein paar Schritte zurück, um ihn auf mich wirken zu lassen. Der Altar liegt nicht auf. Die unsichtbaren Rollen lassen ihn leicht erscheinen, schwebend.

 

Die Mitte ist mehr als ein Fehlen des Kerns. Langsam dämmert die Erkenntnis: Das ist eine Passage zum Leben: Ein Geburtskanal oder der Tunnel aus den Berichten transzendentaler Sterbeerlebnisse. Der „Tisch des Herrn“, um den die Gemeinde sich versammelt und das Abendmahl feiert wird zur Passage zwischen Transzendenz und Immanenz. Es ist, als würde der Himmel die Erde berühren und die Engel zusammen mit den Lebenden und Verstorbenen gemeinsam das himmlische Abendmahl feiern. Die Passage als Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits.

 

Ich denke an Karfreitag als das schwarze vollkommen lichtundurchlässige Parament die Sicht versperrte: Sackgasse. Kein Durchkommen. Ende der Geschichte. Ich denke an die Osternacht, als zu dem Lied „Wir wollen alle fröhlich sein“ Frau Wellhöfer das schwarze Parament durch das Weiße ersetzte und sich der Himmel öffnete. Ich denke an das Kind, das sich beim Familiengottesdienst zur Einweihung in die Öffnung legte und damit unbewusst die Bedeutung verstand und tat, wonach wir uns alle sehnen.

 

Verständlich wird nun, warum Auswahl und Herstellung von einfarbigen und vermeintlich schlichten Paramenten ohne Verzierung der landeskirchlichen Expertin für Paramentik so viel Mühe bereitete. Mit Ausnahme des schwarzen Paraments sollten sie nur soweit transparent sein, dass man zwar erkennt, dass hinter dem Tuch eine Welt ist. Jedoch sollte auch bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen das Auge keine Gelegenheit bekommen konkret zu erfassen, was sich dahinter verbirgt. Wir haben allenfalls eine Ahnung von dem, was uns in der anderen Welt erwartet.

 

Langsam wendet sich mein Blick dem Ambo zu. Wieder sehe ich das Holz, die Maserung und die Risse. Auf der Orgelseite erkenne ich eine charakteristische Musterung im Holz, die mir bekannt vorkommt. Noch einmal gehe ich zurück und identifiziere das gleiche in Muster in der Passage. Nun wird klar: Der Ambo – der Ort, an dem das Wort Gottes gelesen wird – ist als „Kern der Sache“ dem Eichenstamm entnommen. Der unmittelbare Bezug ist hergestellt. Die theologische Deutung verleiht der Schlichtheit Brillanz.

 

Noch fehlen Kreuz und Osterleuchter. Der Prozess ist noch im Gange. Es wird ein Vorhaltekreuz sein ähnlich dem aktuellen Modell. Ich bin gespannt, voller Vorfreude und zuversichtlich, dass der Künstler Werner Mally eine außergewöhnliche Lösung findet.

 

Gott befohlen

 

Ihr Pfarrer Jens Keil