Geistesgegenwart

Geistesgegenwart – darum geht es an Pfingsten. Vor allem geht es um die Geistesgegenwart Gottes. Ist der Mensch jenseits von Eden von allen guten Geistern verlassen, so schenkt uns Gott unsere Lebensgeister zurück. Gott ist im Himmel. Jesus auch. Und weil der Himmel so unerträglich weit weg ist, verspricht Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern am Tag vor seinem Tod: „Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren …, was ich euch gesagt habe.“ (Joh. 14,26).


Orientierungslos blieben die Jüngerinnen und Jünger zurück. Entgeistert schauten sie dem gen Himmel fahrenden Heiland hinterher. Weltabgewandt war ihr Blick bis zwei Engel die Aufmerksamkeit der Gefolgsleute Jesu wieder auf die Welt richtete: „Was steht ihr da und seht in den Himmel …?“
Das ist die erste Pfingstbotschaft: Nicht dem Himmel, sondern der Welt gilt vor allem unsere Aufmerksamkeit. Sie wird uns zugemutet mit all ihrer Geistesvielfalt und ihren Geistlosigkeiten, mit ihren Schöngeistern, ihren Groß- und Kleingeistern und leider auch mit ihren Ungeistern.

 

Und dann war es war im Sinne des Wortes eine Begeisterung, die sie übermannte. Die verkniffenen Münder öffneten sich und sie fanden die rechten Worte für ihren Glauben an Gottes Sieg über den Tod. Aller globalen babylonischen Kommunikationslosigkeit war durch das Sprachwunder ein Ende gesetzt und in allen Sprachen der Welt sprachen sie aus, was sie zu sagen hatten: Gottes Geistesgegenwart verleiht Lebensmut und Lebenslust, lässt uns lieben und vergeben, schenkt Trost und Kraft zum Trösten. Die Gegenwart seines Geistes öffnet uns für das Leben, bricht Verschlossenes in uns auf, sei es aus Schuld oder Verbitterung, aus Resignation, aus Enttäuschung oder zuschlechterletzt aus Angst.

 

Nun macht es den Eindruck, als habe dieser Tage die Stadt Remseck Gottes Geistesgegenwart bitter nötig. Was vom Info-Abend in der Neckargröninger Gemeindehalle zu den geplanten Flüchtlingsheimen hängen bleibt – sieht man von der erschreckenden Wortwahl und dem Ton mancher Beiträge ab – ist die Angst der Menschen vor Unfrieden und Beeinträchtigung ihrer Lebensweise.

 

Das ist menschlich in jeder Hinsicht. Von der Angst vor dem Fremden weiß sich niemand zu befreien. Auch wissen wir alle, dass Integration eine Herausforderung ist, die viele Kräfte beansprucht und uns manches abverlangt. Die Umstände machen es nicht leichter: Asylsuchende dürfen in den ersten 9 Monaten nicht arbeiten – und das ist eine lange Zeit, wenn man kein Geld hat, die Langeweile zu vertreiben. Klug ist es deshalb, bei der Auswahl der Orte auf Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel zu achten.

 

Die Fakten sprechen eine klare Sprache. Das Polizeipräsidium Ludwigsburg lässt auf Nachfrage verlauten: „Wir haben … keine konkreten Erkenntnisse dahingehend, dass sich Asylbewerberunterkünfte zu Kriminalitätsschwerpunkten entwickeln.“ Auch die Bietigheimer Zeitung schreibt: „Obwohl mittlerweile Hunderte Flüchtlinge in den Asylbewerberheimen im Kreis untergebracht sind, häufen sich die Konflikte laut den Behörden nicht.“ (Oktober 2013)

 

Wir alle haben noch die Bilder der Schiffbrüchigen vor Lampedusa vor Augen (Oktober 2013), über 300 tote Flüchtlinge in einer Nacht. Der syrische Bürgerkrieg ist seit Monaten in den Medien – ein Krieg, der übrigens auch mit deutschen Waffen geführt wird, wie zu Anfang des Jahres der NDR enthüllte.

 

Nun kommt dieser Teil der Welt in unseren Ort. Auch das ist Globalisierung.
Die Flüchtlinge werden nun nach Remseck kommen. Oft werden es ganze Familien sein. Der von der Remsecker Bevölkerung gewählte Gemeinderat hat das einstimmig beschlossen. Die Orte für die Unterkünfte stehen ebenfalls fest. Damit kommt Remseck seiner Pflicht im Landkreis nach. So funktioniert Demokratie.

 

Nun bedarf es Geistgegenwart – die der Menschen – und wenn die nicht ausreicht die Göttliche, um den Flüchtlingen einen guten Aufenthalt zu ermöglichen. Sie werden nicht für immer bleiben. Viele Flüchtlinge wollen vermutlich nicht hier sein und wären vermutlich lieber zuhause. Ihre Situation ist nicht einfach. Viele Nationen und Kulturen müssen auf engem Raum unter einem Dach leben.

 

Unser Interesse muss und kann nur sein, den Menschen die Zeit, die sie bei uns sein müssen, so erträglich wie möglich zu gestalten. Umso besser das gelingt, umso weniger Probleme wird es geben. Dazu bedarf es alles, wofür der Geist Gottes steht: Respekt, Toleranz und Offenheit, Nachsicht und Klarheit, Gastfreundlichkeit und Verständnis.

 

Und so grüße ich Sie mit einem Wort aus dem 2. Brief des Timotheus: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Ihr Pfarrer Jens Keil