Gleichzeitigkeiten

Gedanken über die Zeit gehören in den Herbst. Der Ewigkeitssonntag ist dafür der traditionelle Zeitpunkt. „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Und doch sind die Ungleichzeitigkeiten in unserer Gesellschaft ein zeitloses Problem. Weil man den Nachbarn kaum kennt, nimmt man nicht wahr, wie es ihm geht.

Es ist Hochsommer. Wir sind mitten in den Sommerferien. Wer kann, entflieht dem Alltag, - und wer nicht kann, sucht wenigstens abends und am Wochenende eine sommergemäße Freizeitbeschäftigung: Freibad, Biergarten, Open Air Kino.

Gleichzeitig gibt es Menschen, für die sind die Sommerferien eine schlimme Zeit: Alleinstehende Menschen ohne Beruf oder verwitwete Menschen, die auf öffentliche Angebote angewiesen sind, um unter Menschen zu kommen. Doch die machen in den Sommerferien Pause. Volkshochschulen schließen ihre Tore. Auch in den Kirchengemeinden werden die meisten Angebote ausgesetzt.
Während alle Welt die Ferienzeit genießt, sind nicht wenige Menschen einsam und sehnen deren Ende herbei.

So ist es auch an Sonntagen. Für die einen heißt es, endlich ausschlafen und die Freizeit genießen. Den anderen fällt die Decke auf den Kopf, weil die dunklen Gedanken drängend werden und keine Besorgung abzulenken vermag.

Da ist es gut, dass es am Sonntagmorgen den Gottesdienst noch gibt. Für die einen zur Unzeit – für die anderen aber Leuchtturm und Rettungsanker, weil Anlass, das Haus zu verlassen, und Gelegenheiten, unter Menschen zu kommen.

Einen lebensweisen Rat und eine Ungleichzeitigkeit der besonderen Art findet sich in der Bibel im Buch Sirach. Da heißt es: „Sei schnell bereit zum Hören und lass dir Zeit, freundlich zu antworten.“

Vielleicht hilft das ja, den Nachbarn wieder wahrzunehmen.

Jens Keil