Licht, Leben, Liebe

Es sei erlaubt, in diesem Jahr des 100. Jahrestages des ersten Weltkrieges noch einmal der Schrecknisse zu gedenken, die Machtstreben und überzogener Nationalstolz in dieser Welt entfesselten – zumal die täglichen Bilder uns vor Augen führen, dass es nicht zum letzten Mal gewesen ist. Nun können wir Christen uns nicht dessen brüsten, dass wir allzu viele Kriege zu verhindern wussten - im Gegenteil, so ist zu befürchten. Dennoch gibt es Zeugnisse, wie die Botschaft vom menschgewordenen Gott bis in die finstersten Winkel der Welt „Licht, Leben, Liebe“ brachte.

Für mich eines der bewegensten Weihnachtszeugnisse ist die Stalingradmadonna, die in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin zu besichtigen ist. Das Bild zeigt eine sitzende Frauengestalt, die ähnlich einer Schutzmantelmadonna unter ihrem Mantel ein Kind birgt, dieses liebevoll ansieht und ihm Schutz und Geborgenheit gibt. Die Darstellung trägt die Umschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“. Gezeichnet wurde das 105 × 80 Zentimeter große Bild mit Holzkohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte.

Das Weihnachten 1942 von dem evangelischen Pastor, Oberarzt im Lazarett und Künstler Dr. Kurt Reuber erstellte Bild entstand in einem Unterstand im Kessel von Stalingrad. An seine Frau schreibt er: „Das Bild ist so: Kind und Mutterkopf zueinander geneigt, von einem großen Tuch umschlossen, Geborgenheit und Umschließung von Mutter und Kind. Mir kamen die johanneischen Worte: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt, in der Dunkelheit, Tod und Hass umgehen - und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe, die so unendlich groß ist in jedem von uns!“ Weiter schreibt er: „Schau in dem Kind das Erstgeborene einer neuen Menschheit an, das unter Schmerzen geboren, alle Dunkelheit und Traurigkeit überstrahlt. Es sei uns ein Sinnbild sieghaften zukunftsfrohen Lebens, das wir nach aller Todeserfahrung umso heißer und echter lieben wollen, ein Leben, das nur lebenswert ist, wenn es lichtstrahlend rein und liebeswarm ist.“

Der ehemalige Bischof Martin Kruse schreibt dazu: „Das Bild zieht die Menschen in seinen Bann, Christen und auch Nichtchristen. ... Die Ruhe und Geborgenheit, die von diesem Bild ausgeht, steht in Spannung zu den verzweifelten Umständen seiner Entstehung im Kessel von Stalingrad 1942. [Kurt Reuber hat dieses Werk] seinen Leidensgenossen in einer Heiligabendandacht ‚vorgestellt‘, als eine anschaubare Predigt des Evangeliums. Der Bericht eines Augenzeugen gib t zu verstehen, dass der enge Bunker durch dieses Bild zu einer Kapelle geworden sei.“

Reuber starb 1944 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft; das Bild gelangte mit einem der letzten Flugzeuge durch einen schwer verwundeten Offizier aus Stalingrad.

In diesem Jahr, in dem viele von uns, die alt genug sind, derer gedachten, die im Krieg geblieben sind oder aber von ihm gezeichnet nach Hause kamen, ist für mich die Madonna erneut zu einem Hoffnungszeichen geworden, dass aller Krieg und aller menschengemachter Unfriede das Evangelium nicht verstummen lassen kann. Ich stelle mir vor, wie unsere Väter und Großväter – oder gar die wenigen noch Lebenden, die selbst als Kindersoldaten und in jedem Fall viel zu jung – das Weihnachtsfest im Feld erleben mussten.

Ich möchte glauben, dass die Botschaft des Engels vom „Frieden auf Erden bei den Menschen“ nicht überdeckt wird von dem gottlosen der Menschen. Wir halten daran fest. Wir lassen nicht locker. Gott lässt nicht locker. Uns ist ein Leben und eine Welt versprochen, in der „Licht, Leben, Liebe“ wahr werden.

In diesem Sinne: Ein friedliches und liebevolles Weihnachtsfest.

Ihr Pfarrer Jens Keil